Dopamin-Scrolling
Es handelt sich hier nicht um einen wissenschaftlichen Fachbegriff sondern um eine umgangssprachliche Beschreibung dafür, wie Social-Media-Algorithmen das Belohnungssystem im Gehirn ausnutzen um endloses Scroll-Verhalten auf Plattformen zu festigen.
Dopamin spielt eine große Rolle unter anderem bei Motivation, Belohnung und Stimmungsregulation. Gemeinhin wird Dopamin auch als „Glückshormon“ bezeichnet (obwohl es kein Hormon ist sondern ein Neurotransmitter).
Durch das Konsumieren von Social-Media Inhalten wird Dopamin ausgeschüttet. Das Gehirn erwartet beim endlosen, impulsiven Dauerscrollen durch Feeds, ständig kleine Belohnungen. Hier was lustiges, da eine interessante Info, dort was kurioses und dann noch ein süßes Katzenvideo. All das setzt Dopamin frei.
Das perfide: Nicht jedes Video ist lustig, oder hat eine Info. Es sind viele blöde Videos im Stream. Dann gibt es kein Dopamin. Es erfolgt also eine variable Verstärkung: Mal gibt es eine Belohnung, mal nicht. Das verstärkt den Drang, nur noch kurz weiter zu scrollen, um noch eine letzte Belohnung abzuholen.
Der Effekt: Man will mehr, und mehr, und mehr. Die Algorithmen sind so programmiert, dass sie maximale Abhängigkeit erzeugen. Endlos-Feeds, Auto-Play, Push Benachrichtigungen, personalisierte Auswahl des Contents.
Also scrollt man bei TicToc und wundert sich plötzlich, wo die letzten zwei Stunden geblieben sind. Das ist schon ein Problem, aber es folgt ein weiteres daraus:
Lernen schüttet nicht ansatzweise so viel Dopamin aus. Im Gegenteil. Es ist anstrengend, teilweise frustrierend. Das Gehirn schreit „mehr, mehr, mehr…“ und durch Lernen wird dieses Bedürfnis erst einmal nicht befriedigt. Nur wer über eine hohe Frustrationstoleranz verfügt, wird über diese Hürde springen. Alle anderen schieben auf oder brechen das Lernen nach kurzer Zeit ab.
Allerdings tritt beim Lernen der gleiche Effekt auf, wie beim Konsum von Social-Media Inhalten, nämlich dann, wenn eine Aufgabe erfolgreich bewältigt wurde! Deshalb ist Erfolg beim Lernen so ein ungeheurer Motivator! Und gleichzeitig ist hier der Schlüssel zu einer erfolgreichen Unterrichtsmethode.
Früher hat man etwas erklärt und die Schüler dann direkt mit Aufgaben (die teilweise schon stark forderten) konfrontiert. Heute muss man niedrigschwelliger arbeiten und zunächst eine Reihe von Erfolgserlebnissen beim Schüler generieren. Das ist eine Gradwanderung! Sind die Aufgaben zu leicht, fühlt sich der Erfolg unverdient und unecht an. Sind die Aufgaben zu schwer, frustriert man. Daher halte ich es für ratsam, bei einem neuen Thema nicht direkt mit Aufgaben aus dem Mathebuch zu arbeiten (die ja häufig von Autoren stammen, die schon tot sind), sondern mit individuell erstellten Aufgaben, passend zur jeweiligen Situation.
Auch im Nachhilfeunterricht gibt es Möglichkeiten, einem Schüler zu einem Dopaminkick zu verhelfen: Während man etwas schreibt, baut man einen kleinen Fehler ein. Sie glauben nicht, was das bei einem Schüler auslöst, wenn er den Fehler anspricht und Recht bekommt!
Die niederschwellige Herangehensweise hat überhaupt nichts mit der Intelligenz oder den Fähigkeiten der Kinder zu tun. Es geht einzig und alleine darum, die Körperchemie auszutricksen.