Lassen Sie mich zunächst mit zwei Beispielen einsteigen, bevor ich in die Details gehe:
Beispiel 1 – Er kann alles, Note 5
Der Nachhilfelehrer übt mit dem Kind. Sie bekommen das Feedback: „Er kann alles“. Die Arbeit kommt zurück, Note 5. Vom Kind hören Sie: „Es kam nichts von dem dran, was wir gelernt haben!“
Was ist da los?
Wahrscheinlich wurde nicht im Kontext geübt, sondern isoliert einzelne Rechenverfahren. Vielleicht wurden zig quadratische Gleichungen mit der pq-Formel gelöst, Graphen gezeichnet, der Streckparameter bestimmt etc. Aber eben jeder Aufgabentyp isoliert für sich.
In der Arbeit (auf dem Gymnasium) wird aber so nicht abgefragt. Eine Aufgabe umfasst verschiedene Aspekte eines Themas. Das Kind muss weitgehend selbst erkennen, was hier gefragt ist und mit welcher Methode man das am besten löst. Dafür muss man die Struktur eines Problems erfassen. Und genau da liegt der Hase im Pfeffer. Das ist für heutige Schüler unfassbar schwer. Da das Kind nichts von dem erkennt, was es gelernt hat folgert es: „Es kam nichts dran von dem, was ich geübt habe“.
Fassen wir zusammen: Das Kind konnte tatsächlich alles, da es aber in den Aufgaben nicht erkannt hat, was abgefragt wurde, ging die Arbeit daneben.
Beispiel 2 – Matheabitur
Abituraufgaben in Mathe bestehen in Hessen aus einem Sachzusammenhang, um den herum verschiedene Aufgaben gestellt werden. Dabei sind die Aufgaben gegliedert.
Einleitungstext
Aufgabe 1
Aufgabe 1.1
Aufgabe 1.2
Zwischentext
Aufgabe 2
Aufgabe 2.1
Aufgabe 2.2
usw.
Viele Abiturienten sind mit dieser Struktur vollkommen überfordert. Beispielsweise gilt der Einleitungstext für die gesamte Abituraufgabe, während der Zwischentext nur für Aufgabe 2 gilt usw. Die Folge: Schüler erkennen nicht, welche Informationen zusammengehören. Damit können sie wichtige Angaben, die für eine Unteraufgabe benötigt werden, oft nicht finden. Oder sie erkennen nicht, dass in Aufgabe 3 die Angaben aus Aufgabe 2 nicht mehr gelten und rechen mit falschen Werten weiter.
Auch hier besteht die Gefahr, trotz guter Vorbereitung das Mathe-Abitur in den Sand zu setzen. Man muss mit den Schülern gezielt die Struktur der Aufgaben einüben, damit sie darauf achten, wenn es darauf ankommt.
Warum erkennen Schüler keine Strukturen mehr?
Strukturen treten in der Welt überall auf. Zum Beispiel die Struktur der Umgebung, die man sich einprägen muss, um sich zu orientieren zu können. Das klappt ja meistens.
Das Problem tritt spezifischer auf. Ich beobachte vor allem zwei Bereiche: Mathematische Strukturen und textliche Strukturen werden nicht oder nur mühsam erkannt. Und zwar von relativ vielen Schülern. Daraus folgen Probleme mindestens in den Fächern Mathe und Geschichte.
Zurück zur Frage: „Warum ist das so?“ Auf diese Frage gibt es keine einfache Antwort. Das Phänomen hat sich erst in den letzten 20 – 30 Jahren entwickelt. Es gibt zwar eine Menge Papier zu dem Thema, aber irgendwie doch nichts konkretes oder handfestes zu den Ursachen. Zumindest ist mir nichts bekannt, und ich habe wirklich gesucht!
Die Psychologie kann Antworten geben, die aber eher thesenhaften Charakter haben, weil ungeprüft. In etwa so wie bei den Physikern, die 1964 die Existenz des Higgs-Boson voraussagten. Der Nachweis der Existenz gelang aber erst 2012.
Auch das Erkennen von Strukturen ist eine seelische Funktion, die im Kind angelegt ist. Sie muss aber entwickelt werden (wie die Sprache beim Menschen). Wie schon in einem anderen Blog Artikel geschrieben, entwickelten sich die seelischen Funktionen früher automatisch. Die Umwelt bot genug Reize und Abwechslung. Heute müssen Eltern die Entwicklung seellischer Funktionen aktiv fördern.
Damit ein Kind das Erkennen von Strukturen lernt, benötigt es Übung. Es muss mit Strukturen konfrontiert werden, die es erkennen kann. Da gibt es vor allem drei Bereiche:
- Erfahrung – etwas machen, statt konsumieren
- Erziehung – Strukturen vorleben und vorgeben
- Bildung – Training der Strukturerkennung mit geeigneten Übungen
Und da ist in den letzten Jahren in allen drei Bereichen doch so einiges weg gefallen:
Im Bereich Erfahrung:
• Schulweg einprägen (Kinder werden heute überall hingefahren)
• Im Wald verlaufen und alleine nach Hause finden (welche Mutter bekommt da heute keinen Herzinfarkt?)
• Baumhaus bauen (warum fange ich nicht mit dem Dach an?)
• Fahrrad reparieren (warum muss das so und nicht so?)
Im Bereich Erziehung:
• Feste Struktur im Alltag
• Feste Struktur in der Erziehung (Regeln, Konsequenz)
• Feste Aufgabenzuteilung eines Verantwortungsbereiches im Haushalt an das Kind
• Referate sollen die Kinder machen, nicht die Eltern. Das Kind soll die Inhalte recherchieren und strukturieren.
In der Schule
- Lehrer als feste Bezugsperson (heute wechseln Lehrer viel zu häufig)
- Der Lehrer muss als Gegenüber verfügbar sein, an dem sich das Kind reiben und wachsen kann. So hat der Lehrer Einfluss auf das Kind und kann Probleme angehen. Neue Lernmethoden wie das selbstbestimmte Lernen schwächen die Pädagogen-Kind-Beziehung.
- Viel Unterrichtsausfall sorg vielfach dafür, dass man mit dem Stoff gerade so durchkommt. Für sowas wie Strukturtraining ist da einfach keine Zeit. Zudem haben viele Lehrer dieses Problem gar nicht auf dem Schirm.
Zusammengefasst: Das Erkennen von Strukturen ist eine seelische Funktion. Seelische Funktionen haben sich früher automatisch entwickelt, während ein Kind aufgewachsen ist. Durch Veränderung in Gesellschaft und Familie ist das heute nicht mehr so. Eltern müssen dafür Sorge tragen, dass sich seelische Funktionen ausreichend entwickeln, sonst sind sie später einfach nicht da!
Wie zeigt sich das Problem in der Schule?
Es zeigt sich in der Arbeit mit Texten
- Struktur eines Textes wird nicht erkannt
- Zusammenfassung der wesentlichen Kernaspekte gelingt dann nicht
- In der Textproduktion fehlt der rote Faden
- Tendenz zu vielen Worten mit wenig Inhalt
- Konsequenz: Probleme im Fach Geschichte
Es zeigt sich in naturwissenschaftlichen Fächern
- Naturwissenschaften erfordern eine strukturierte, analytische Denkweise
- Probleme in Mathematik, Physik, Chemie, oft auch Biologie
Bei den nachfolgenden Punkten ist die mangelhafte Erkennung von Strukturen nur ein Faktor unter vielen. Ich führe sie dennoch auf um zu zeigen, in wie vielen Bereichen des Lebens sich Auswirkungen zeigen können, wegen einer einzigen „Funktion“, die nicht richtig entwickelt ist!
Es zeigt sich in der Kommunikation
- Plappern und ausufernde Beschreibung unwichtiger Details, weil der Fokus auf das Wesentliche nicht gelingt.
- Fokus und Struktur fehlen in vielen Sätzen: Was will ich eigentlich sagen?
- Soziale Komponente: Wenig Gespür für das Gegenüber – der kognitive Teil der Empathie ist beeinträchtigt. Man versteht nicht, warum der andere so fühlt oder denkt. Der emotionale Teil der Empathie wird durch mangelhafte Strukturerkennung nicht beeinflusst. Mitfühlen und Mitschwingen mit dem Gegenüber funktionieren.
Es zeigt sich in der Sebstorganisation
- Hineinleben in den Tag, ohne Struktur
- Setzen von Prioritäten gelingt nicht
- Unterlagen sind nicht organisiert
Interesseanterweise gilt es aber auch umgekehrt: Wer zu stark in Mustern und Strukturen denkt, verfällt nicht selten in Grübelei, Selbstzweifel, Überoptimierung und Perfektionismus. Die goldene Mitte ist wie so oft das richtige Maß.
Es zeigt sich in den Zielen
- Unrealistische Ziele, da die Struktur der Gesellschaft nicht erfasst wurde. Was ist nötig, um in dieser Gesellschaft dieses Ziel zu erreichen? Das ist natürlich ein Stück weit auch Erfahrung. Dennoch fällt auf, dass die Ziele bei 18-Jährigen oft kindlich naiv sind. Vielen Schülern einer Klasse 9 ist z. B. nicht bewusst, dass ein Schulabschluss nötig ist, um eine Ausbildung beginnen zu können.
- Keine Motivation, um Ziele zu erreichen. Wenn ich keine Ziele habe und auch nicht weiß, was ich konkret tun muss, um sie zu erreichen, dann entwickele ich auch keine Motivation.
Aus Erfahrung kann nicht gelernt werden
- Die Übertragung von bereits erlebten auf die aktuelle Situation gelingt nicht, da die gemeinsame Struktur nicht erkannt wird.
- Das führt zu einer gewissen Hilflosigkeit im Leben.
- Für Probleme wird keine angemessene Lösung gefunden.
Auswirkung auf das Denken
In der Psychologie unterscheidet man verschiedene Denkstile:

Der Artikel ist sowieso schon viel zu lang, deshalb verzichte ich jetzt auf die Details zu den Denkstilen. Nehmen wir hin, dass man das Denken in dieser Art unterteilen kann (es gibt auch andere Modelle).
Allen Denkstilen gemeinsam ist, dass man zuerst die Struktur des zugrunde liegenden Problems erfassen muss, um zu einer Lösung zu gelangen. Wenn man nun nicht fähig ist, die Struktur eines Problems zu erkennen, so folgt daraus, dass man in allen oben genannten Denkstilen beeinträchtig ist und das vorhandene Potenzial nicht abrufen kann. Dramatisch!
Aber die gute Nachricht: Trainiert man das Erkennen von Strukturen, so kann man die Denkfähigkeit in allen Bereichen verbessern. Aber natürlich ist das ein langfristiger Entwicklungsprozess und keine Sache von 5 Nachhilfestunden.
Ich hoffe, Sie erkennen spätestens an dieser Stelle, dass es hier nicht um ein nebensächliches Problem geht! Jetzt könnte man Fragen, ob der IQ in den letzten 40 Jahren stetig gesunken ist. Die Antwort ist Nein. Aber beweist das was?
IQ-Tests werden für jede Alterskohorte neu normiert. Ein IQ von 100 spiegelt immer den Durchschnitt der Alterskohorte wieder. Somit ist ein IQ von 100 bei einem Test im Jahr 1980 nur bedingt vergleichbar mit einem IQ von 100 aus einem Test von 2010. Überspitzt formuliert: Wenn in einer Altersgruppe alle dumm sind, dann ist der durchschnittliche IQ dieser Altersgruppe dennoch 100.
Der sogenannte Flynn Effekt beschreibt, dass die bereinigten IQ-Werte (also die vergleichbaren Werte) im 20. Jahrhundert pro Jahrzehnt um etwa um 2 – 3 Punkte gestiegen sind (das sind immerhin 10 – 15 Punkte in 50 Jahren). Viele Daten deuten aber darauf hin, dass es seit 1990 wieder abwärts geht (Reverse-Flynn-Effekt). Der Grund dafür ist ganz sicher nicht nur die mangelhafte Fähigkeit, Strukturen zu erkennen. Aber es dürfte eine Rolle spielen.
Weitere Folgen:
Keine Organisation der Themen in Mathematik
Nicht nur das Erkennen von mathematischen Strukturen fällt schwer, auch der Aufbau einer Struktur in diesem Fach. Stellen Sie sich den Kopf des Schülers als Festplatte vor, auf der nur ein Ordner angelegt ist: „Mathe“. In diesen Ordner kommen jetzt 10 Jahre Schule rein. Einige Dateien haben keinen Dateinamen, andere Dateien haben einen falschen Dateinamen. Was folgt aus diesem Chaos im Kopf?
- Die einzelnen Themen liegen nebeneinander im Kopf, sind nicht verbunden. Der Schüler kann deshalb auch keine Aufgaben lösen, bei der die Verbindung von Themen nötig ist.
- Der Schüler hat eine vollkommen diffuse Wahrnehmung im Fach Mathematik. Alles ist wie im Nebel, nichts ist klar, auch wenn viele Einzelthemen verstanden wurden.
- Er kann nicht selbständig im Internet nach Lösungen suchen. Er weiß ja gar nicht, welche Suchbegriffe er eingeben könnte, um die gewünschten Ergebnisse zu erhalten.
In der Nachhilfe kann man gegensteuern, indem man eine „mathematische Landkarte“ aufbaut. Nicht nur kognitiv, sondern ganz real auf Papier. Wie sind die Themen miteinander verbunden? Im Unterricht trainiert man das Erkennen von Mustern im Kontext von verschiedenen Aufgaben. Zusätzlich verortet man jede Aufgabe und jede Lösung auf der mathematischen Landkarte. So kann der Schüler die Themen auch irgendwann in Beziehung zueinander setzen und selbst nach Hilfe im Internet suchen.
Falsches Lernen von Mathematik
- Der Schüler versucht das Matheproblem zu bewältigen, in dem er für jeden Aufgabentyp den Lösungsweg auswendig lernt.
- Am Heftrand werden tausende von Notizen geschrieben. Ein hilfloser Versuch, Struktur in das Chaos zu bringen.
Ein wenig kann man mit dieser Methode verbessern, denn immerhin kann man Aufgaben lösen, wenn man sie wieder erkennt. Aber der Weg ist arbeitsreich und unflexibel. Eine kleine Änderung in der Aufgabe wirft das Konzept über den Haufen. Zudem besteht die Gefahr der Verwechslung. Dann wundert man sich als Lehrer bei der Korrektur, wie der Schüler bei dieser Aufgabe auf einen solchen Lösungsansatz kommen konnte?! Solche Beispiele zeigen dann deutlich, wie groß die Not im Fach ist!
Als Lehrer kann man gegensteuern, in dem man klar trennt: „Das musst Du auswendig lernen, hier musst Du das Muster erkennen, und hier muss Du das dahinter liegende Konzept verstehen.“
Permanente Überforderung
- Der Schüler ist dauerhaft überfordert, weil er mangels Struktur keine Orientierung im Fach hat.
- Fast jede Matheaufgabe erscheint unlösbar, weil man nicht erkennt, welche Lösungsansätze man wählen muss.
- Selbstzweifel: Der Schüler befindet sich in einem diffusen Gefühlszustand. Er ahnt oder spürt, dass etwas nicht stimmt. Er erkennt aber keine Ursache und zweifelt an sich selbst.
Damit ist der Nährboden für psychische Auffälligkeiten und Störungen gelegt.
Natürlich lassen sich nicht alle genannten Beobachtungen zu 100% auf die mangelhaft ausgebildete Fähigkeit der Strukturerkennung zurückführen. Es gibt zu viele Einflussfaktoren, als das man die Einflüsse klar trennen und beweisen könnte. Es ist für mich in den letzten 20 Jahren aber mehr als Auffällig, dass die genannten Aspekte extrem starkt mit der Fähigkeit der Strukturerkennung korrelieren. Das gilt auch umgekehrt: Kinder, die gut darin sind, Strukturen zu erkennen, haben die oben genannten Probleme auffällig oft nicht.